Donnerstag, 27. Juli 2017

Survival Training


Die letzte Lesung ist vorbei. 




Kinder, Schulen, Büchereien, Veranstalter verabschieden sich in die Sommerpause.

Lesungsfreie Zeit. Bis in den Herbst hinein.
Schreibzeit.
Endlich!

Ich atme auf.
Obwohl ich wirklich gern vorlese, genieße ich es auch, mal nicht durch die Lande zu reisen. Inzwischen Routine, aber ich erinnere mich immer noch bestens an meine Anfänge. Und noch immer ist Lesen manchmal ...

Survival-Training!




„Guten Morgen, Frau Rose. Ich bin Frau Müller, ich rufe von der Grundschule … an. Sie lesen? Vor Kindern?“, fragt mich die freundliche Lehrerin am Telefon. "Also ... auch vor Jüngeren? Um nicht zu sagen ... vor den Jüngsten?"

Ich bin leicht irritiert, denn würde ich nicht lesen, hätte ich mich wohl nicht auf die Autorenliste setzen lassen, die an Schulen verschickt wird. An Schulen, die einen Autor suchen, der den Schülern vorliest.

„Jaha“, erkläre ich etwas gedehnt, weil verschüchtert, denn es ist meine erste Schullesung, und ich will nett und freundlich rüberkommen.

„Sehr gut, sehr gut“, sagt die Lehrerin. „Ich habe mir Ihre Bücher im Internet angesehen. Wir nehmen das Dings mit dem Mädchen und der Mutter. Sie wissen schon.“

Oh, sehr konkret gesagt, denke ich. Aber das sage ich nicht, denn ich will ja - wie schon erwähnt - nett und freundlich rüberkommen.

„Mein Buch Ich tausche meine Mama um. Meinen Sie das?“

Jaja“, erklärt die Lehrerin. „Meinetwegen. Ja, ich glaube schon. Auf jeden Fall sollen Sie vor der Klassenstufe 1 und 2 lesen … "
Schweigen.

„Hallo?“, frage ich ins Telefon. „Sind sie noch da?“

„Bin ich", antwortet Frau Müller. "Haben Sie mich auch gut verstanden? Ich sagte Klassenstufe 1 und 2 …!"
Erneutes Schweigen. 
Frau Müller räuspert sich. "Und? Frau Rose?"

Ich raufe mir am Telefon die Haare. Verdammt. Ich ahne, dass ich gerade die geheimen Signale der Dame nicht richtig zu deuten vermag. Klassenstufe 1 und 2, muss ich mich da fürchten? Fressen Kinder Autoren? Oder ihre Bücher? Oder muss ich jetzt ein lustiges Gedicht aufsagen, damit die Lehrerin weiß, dass ich geeignet bin. Oder …?

„Gut. Dann ist das ja klar. Wir bereiten eine kleine Gruppe für Sie vor, das Honorar steht fest. Montag dann um 8 Uhr, die Adresse schicke ich noch. Wollen Sie Bargeld oder stellen Sie eine Rechnung.“

Fangfrage, was? Ups, darüber habe ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Schleppen Autoren immer Koffer voll Bargeld durch die Gegend, um die verdienten Millionen später auf schwarze Konten zu transferieren? Eigentlich hatte ich mir so ein schönes Rechnungsformular gebastelt, aber vielleicht ist das unprofessionell? Oder eher sehr professionell?

„Ich … äh … stelle eine Rechnung. Wie immer.“
Yes! Bin ich aber locker drauf!
Kommt alles von meinem Lebensmotto: Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit.Wirkt super. 
Die Lehrerin verabschiedet sich höflich und legt auf. 
Mein T-Shirt ist tropfnass, aber ich habe meine erste Schullesung eingetütet. 
Bingo.



 Zwei Wochen später fahre ich in der Grundschule vor. Mein Buch habe ich unter den Arm geklemmt, ich bin vorbereitet. Als ehemalige Radiosprecherin ist es ja sowieso fast ein Klacks für mich, vorzulesen.

Als ich an der Turnhalle vorbei laufe, dröhnt ohrenbetäubendes Schreien daraus. Ach nett, denke ich noch, die Kinder tollen hier richtig herum. Schön, sicher so eine dieser bewegten Schulen, wie das jetzt heißt.

Im Sekretariat versuche ich die nette Dame, die mit Kopfhörer vor dem Computer sitzt, durch Blickkontakt auf mich aufmerksam zu machen. 
Ohne Erfolg. 

Ich klopfe ein kleines bisschen auf die Theke, denn ich will ja nett und freundlich rüberkommen. 
Sie hört mich nicht. 
Ich winke, lächle, huste, sehe auf die Uhr, winke noch einmal.
Sie hört mich nicht.
Ich hüpfe wie Rumpelstilzchen auf und ab, in der Hoffnung, dass sie mich bemerkt. 
Tut sie aber nicht, und die Zeit rennt! 
Entschlossen stelle ich mich hinter sie und tippe ihr sachte auf die Schulter.

Hilfe! Haben Sie mich aber erschreckt. Also so geht das nicht, meine Dame. Wenn alle Eltern hier hineinplatzen und mich bei meiner Arbeit stören würden, wo kämen wir denn da hin?“
„Ich bin aber keine Mutter, ich …",  fange ich höflich an.

„Mutter, Tagesmutter, ganz egal. Wir haben Bürozeiten, und die stehen vorne an der Tür.“
„Aber …“
Kein Aber!“
"Ich kann mich nicht an die Bürozeiten halten, denn ..."
"Typisch! Das sagen sie alle. Aber wozu sind Bürozeiten denn da, wenn sich keiner daran hält?"
"Aber ..."
"Kein Aber habe ich gesagt!"
„Ähm. Ich bin doch die Autorin!

Sie mustert mich streng. „Wieso haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Kommen Sie, die warten schon längst, ist ja auch schon reichlich spät.“
Ich nicke verschüchtert und laufe der beschäftigten Dame hinterher. Quer durch das Schulhaus Richtung … Turnhalle.

„Äh, wie viele Kinder sind es denn?“, flöte ich sanft.
140, ein paar sind krank geworden“, erklärt die Sekretärin und hält mir die Tür auf. „Alles Klassenstufe 1 und 2. Wir haben ewig gebraucht, bis wir jemand gefunden haben, der für dieses Alter lesen möchte. Na, Sie sind ja echt mutig. Leider hat kein Lehrer Zeit, um dabei zu sein. Ist ja aber auch ein Kinderbuch, nichts für uns Erwachsene. Sie schaffen das schon. Und bitte - Tür zulassen, wir wollen unsere Ruhe haben. Wir müssen schließlich arbeiten.
Viel Spaß!“





Wundertütentage
wünscht Frau Rose

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